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 Faires Kämpfen lernen

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Faires Kämpfen lernen - (k)eine Selbstverständlichkeit
Eine Einführung von Ralf Pöhler

Kämpfen – und vor allem faires Kämpfen – ist eine Herausforderung, wie SIGG/TEUBER (1998) formulieren.

Kämpfen ist die Auseinandersetzung mit anderen auf einer nonverbalen Ebene. Kämpfen, die körperliche Auseinandersetzung mit anderen, ist schon von sich aus keine Selbstverständlichkeit, vor allem dann nicht, wenn das Kämpfen die Weiterführung einer Auseinandersetzung ist, die verbal begonnen hat. Kämpfen so verstanden ist die Eskalation von Gewalt.

Solche “Handgreiflichkeiten” sind jedoch in unserer Zivilisation verpönt. Dennoch sind diese Erfahrungen im Kindesalter zumindest ein wesentlicher Entwicklungsschritt hin zu einer verantwortungsbewussten sozial-denkenden Persönlichkeit. Deshalb ist es m.E. unverständlich, wenn sogar kleine Kinder zurückgehalten werden, wenn sie sich (oftmals spielerisch) balgen. Ein Eingreifen von Erwachsenen ist erst dann notwendig, wenn eine echte Verletzungsgefahr besteht. Unter Kinder ist Kämpfen oftmals die einzige – archaische – Möglichkeit, Konfrontationen zu beenden. Kinder besitzen noch keine differenzierten Antwortmöglichkeiten auf Konflikte. Im Kämpfen suchen Kinder Antworten auf Fragen wie z.B. “Wieviel Gewalt halte ich aus, wieviel Gewalt ist für mich annehmbar?”, “Wieviel Gewalt ist gesellschaftlich akzeptiert?”, Welche Strategien gibt es, sich gewalttätigen Handelns zu erwehren?”

Kämpfen unter Erwachsenen ist außer im sportlichen Rahmen in unserer Gesellschaft tabu. Kämpfen wird gesellschaftlich mit Gewaltanwendung gleichgesetzt. Bei einem Kampf gibt es nur einen, der klare Verhältnisse hergestellt hat, den Sieger, und einen der sich unterzuordnen hat, den Verlieren. Die Historie hat gezeigt, dass das “Recht des Stärkeren” keine tragfähige gesellschaftliche Grundlage darstellt. Also warum dann faires Kämpfen lernen und zum Gegenstand von Schule und Sportausbildung machen, warum sich als Erwachsener dem Kampfsport widmen?

  • Kampfsport/-kunst ist Ausdruck der Kultur einer Gesellschaft. Der körperlichen Gewalt wird der ihr angemessene gesellschaftliche Stellenwert gegeben. Kämpfen ist demnach gesellschaftlich akzeptiert solange es nach sportlichen, d.h. fairen Regeln geschieht. Man akzeptiert körperlichen Gewalt als Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeit, verweist sie aber in einen entsprechenden “ungefährlichen” Rahmen. Im Fairen Kämpfen findet so etwas wie eine Ritualisierung von Gewalt statt.
  • Faires Kämpfen ist ein Beitrag zur Gewaltprävention. Wird da nicht der Bock zum Gärtner gemacht? Nein! – Denn Aggression ist neutral gesehen die Fähigkeit des Menschen, etwas anzupacken, anzugehen, also zunächst etwas Positives. Erst die destruktive Aggression gegenüber anderen, gegenüber Sachen oder gegenüber sich selbst ist Gewalt. Faires Kämpfen erlaubt einerseits das Ausleben von Emotionen, fordert andererseits aber zugleich Selbstbeherrschung. Durch das Faire Kämpfen wird außerdem die eigene Frustrationstoleranz gesteigert, so dass oftmals ein destruktives Verhalten als Reaktion auf die Mitwelt nicht mehr notwendig wird.
  • Soziale Beziehungsmuster tendieren mit Beginn der Schulzeit dazu, physischen Kontakt zu unterbinden. Im Fairen Kämpfen findet dieser Körperkontakt statt. Damit ist die Chance verbunden, ein besseres Körperbewusstsein/Körperbild und ein besseres Körper-Wert-Bewusstsein zu entwickeln.
  • Kämpfen fördert durch das direkte, unvermittelte Betroffensein (z.B. wenn ich dem anderen weh tue), das Erfahren der eigenen Verletzlichkeit oder das unverhoffte Umschlagen von Mächtig- in Ohnmächtig-Sein soziale Sensibilität, Respekt vor dem Übungspartner/Individuum und soziale Verantwortung. Allerdings ist dafür die Nähe zum anderen entscheidend. Deshalb plädiert HAPP (5/1998, S.14ff.) dafür, Judo oder Ringen für einen Erfahrungshorizont zu nutzen und weniger Distanzkampfsportarten.
  • Die Notwendigkeit zum Einhalten von Regeln leuchtet beim Kämpfen, ohne dass es einer weiteren Erklärung bedarf, sofort ein. Regeln dienen dem Schutz des Einzelnen. Regeln sind aber auch zugleich erweiterbar, veränderbar, interpretierbar, solange es dennoch fair zugeht und beide Partner diesem Prozess zustimmen können. Kämpfen fördert also auch das Regelverständnis. Kämpfen kann demnach gelingen, ohne destruktiv aggressiv zu sein! Dann macht Kämpfen Spaß, weil ein beiderseitiges Vertrauen wächst.

Der eigentliche Kern von Judo ist das Kämpfen und zwar von der ersten Judostunde an. Damit ist demnach keinesfalls das Kämpfen nach sportlichen Regeln bei offiziellen Meisterschaften gemeint. Kämpfen kann und darf (und sollte am Anfang) “privat” bleiben. Kämpfen sollte zuhause, im Schutzraum der Familie zum Spaß stattfinden. Aber wie ROGGE bereits 1998 feststellte, findet dieses heute in kaum einer Familie mehr statt. Den Kindern fehlt damit eine wertvolle Erfahrung in der Auseinandersetzung mit Erwachsenen (Wie stark bin ich schon? aber auch: Vater/Mutter geben mit Schutz, weil sie stark sind.), aber auch Anleitung in der Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen, z.B. in puncto Fairness. In der Spielesammlung finden Sie zahlreiche Ideen, die zu Hause auf dem Teppich oder dem Bett ausprobiert werden können.

Faires spielerisches Kämpfen ist zunächst unabhängig von den Techniken einer spezielle Kampfsportart, ob sie nun Judo oder Ringen heißt. Faires spielerisches Kämpfen bedarf keiner speziellen Voraussetzungen. In der Praxis mit Anfängern haben sich folgende Kategorien von Kampfspielen herausgebildet, die ein behutsames Heranführen an das Zweikämpfen ermöglichen. Diese Kategorien bedingen einen immer stärker wachsenden Partnerbezug und Körpereinsatz. Sie wurden in Anlehnung an SIGG/TEUBER (S.15) und OLIVIER (S.15-18) vorgenommen.

  • Kämpfe um ein Objekt
  • Kämpfe um einen Raum
  • Kämpfe um das Gleichgewicht
  • Kämpfe zum Kräftemessen
  • Judonahe Kampfspiele

In jeder Kategorie können wir überdies verschiedene Gruppen unterscheiden, je nach der Zahl der Mitkämpfenden und damit verbunden der Sicherheit bzw. Umsicht die die Kämpfenden benötigen.

  • Zweikämpfe
  • Kämpfe in Teams
  • Kämpfe Alle gegen alle

Allen Kampfspielen gehen Spiele mit Körperkontakt voraus. Bei kleineren Kindern werden vor allem Zweikämpfe um Objekte, um einen Raum oder das Gleichgewicht eingesetzt werden. Je älter die Kinder, desto mehr rückt das Kräftemessen in den Vordergrund und es sind Kämpfe in kleinen Teams möglich. Dennoch Vorsicht, weil diese Formen einiges an Übersicht voraussetzen.

 

Für die Übungsgestaltung ist außerdem wichtig, das Sieg und Niederlage beim spielerischen Kämpfen relativiert werden. Dies geschieht durch häufiges Partnerwechseln und durch wechselnde Aufgabenstellungen.

Literaturhinweise:

HAPP, SIGRID
“Zweikämpfen mit Kontakt”
in sportpädagogik, 5/1998

OLIVIER, Jean-Claude
“Wohin mit den Aggressionen?”
http://www.uni-wuerzburg.de/gbpaed/projekte/frieden/mat/raufen.html

SIGG, Bettina/ TEUBER-GIOIELLA, Zaira
“Faires Kämpfen - eine Herausforderung ...”
Bern, 1998
http://www.svss.ch/

 

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