Gleichgewichtstraining

von Mark Fleck, Diplomtrainer Judo

Judo ist eine komplexe Sportart. Neben den technisch-taktischen, konditionellen und psychischen Fähigkeiten werden auch hohe Anforderungen an die koordinativen Fähigkeiten gestellt.

Das Wettkampfjudo hat sich vor allem durch osteuropäische Einflüsse immer mehr zu einer athletischen Sportart weiterentwickelt. Der Komponente Kraft und ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen wird im Judo wie auch in anderen Sportarten eine große Bedeutung zugesprochen. Einer zentralen Rolle spielt dabei der Maximalkraft. Sie stellt die Basisfähigkeit für weitere Erscheinungsformen der Kraft wie Schnellkraft, Reaktivkraft oder Kraftausdauer dar. Dementsprechend existieren zahlreiche Empfehlungen zur Entwicklung der Kraftfähigkeiten.

Die Konzeptionen vieler Trainer und Athleten orientieren sich deshalb weitgehend an den in der Literatur vorgeschlagenen "klassischen" Krafttrainingsmethoden zur (maximalen) Entwicklung der Maximalkraft.

Die Übertragbarkeit dieser Basisfähigkeit auf die technischen bzw. koordinativen Anforderungen im Judo wird jedoch meist nicht hinterfragt. Beim Werfen eines sich wehrenden Partners kommen aber neben den Kraftanforderungen auch beispielsweise spezifische Gleichgewichtsanforderungen hinzu.

Eine variable Verfügbarkeit der Wurftechnik, d.h. eine sichere Anwendung der Technik unter sich verändernden Bedingungen, wie sie im erfolgreichen Wettkampfjudo notwendig ist, erfordert eben auch eine variable Verfügbarkeit der Kraftfähigkeiten!

Da meist aber nur eine begrenzte Anzahl an Trainingeinheiten zur Verfügung stehen, werden oftmals Gleichgewichtsübungen oder generell Koordinationsübungen auf Kosten des Krafttrainings vernachlässigt.

Ein weiterer Grund mag an der Unkenntnis über die zu erwartenden Effekte eines gesonderten Gleichgewichtstrainings liegen. Eine wissenschaftliche Studie, die ich durchführte im Jahr 2000 (Fleck, Mark: “Auswirkungen eines Gleichgewichtstrainings bei Judokas. Tübingen”) hat gezeigt, dass neben der Verbesserung der Standstabilität auf einem Bein und auf zwei Beinen, die Maximalkraftverbesserung der Oberschenkelstrecker, sowie -beuger durchaus mit klassischen Krafttrainingsmethoden (Hypertrophiemethode) vergleichbar sind. Außerdem konnten auch Kraftverbesserungen bezüglich der Muskulatur, die über das Sprunggelenk führen, nachgewiesen werden.

Zusammen mit der verbesserten intermuskulären Koordination (Zusammenspiel der an der Bewegung beteiligten Muskeln) kann ein Gleichgewichtstraining oder ein Krafttraining unter variablen Bedingungen auch als ein Beitrag zur Prävention von Sportschäden, bzw. -verletzungen angesehen werden. Dazu gehören beispielsweise eine beinachsengerechte Ausführung von Seoi Nage oder das Vermeiden des Umknickens des Sprunggelenkes nach außen beim Uchi Mata.

Weiterhin lohnt es sich als Trainer/in darüber nachzudenken, ob mein/e Athlet/in wirklich Kraftdefizite aufweist, oder ob er/sie dieses Potential an Maximalkraft nur noch nicht optimal zu koordinieren vermag.

Es ist unglaublich, welcher Aufwand oftmals betrieben wird, um die Maximalkraft nochmals um 5% zu erhöhen, gleichzeitig aber das eigentliche Ziel, nämlich die Umsetzung der Kraftfähigkeiten auf die Technik, auf den Partner, also “auf der Judomatte" vergessen wird. Die optimale Umsetzung der Kraftfähigkeit würde bedeuten, dass ich mein Krafttraining so variiere, dass ich zeitweise die hohe Reizintensität (hohe Gewichte) reduziere und dafür den koordinativen (sensomotorischen) Anspruch erhöhe.

Aber nicht nur im Krafttraining ist die Einsatzmöglichkeit eines Gleichgewichtstrainings zu sehen. Aufgrund der geringen Intensität ist es durchaus als spezifisches Aufwärmen geeignet. Innerhalb der Trainingseinheit kann das Stehen auf dem Wackelbrett auch eine vorbereitende Übung für die nachfolgende Wurftechnik darstellen, sowie als Spezialübung eingesetzt werden. Oder man betrachtet die Übungen einfach als spezifische Koordinationsschulung im Rahmen des technischen Ergänzungstrainings.

Geringe Anschaffungskosten, keine Notwendigkeit eines Kraftraumes, eine motivationsfördernde Abwechslung, sowie das Ansprechen und die Anwendbarkeit innerhalb eines breiten Altersspektrums (von den sensiblen Phasen des Kindesalters bis zum Seniorensport) sollten Argumente genug sein, um einen Versuch zu starten ein Gleichgewichtstraining mit in das Trainingsprogramm aufzunehmen.

Die Folien des Vortrages von Mark Fleck zum downloaden.

Anschrift des Autors:

Mark Fleck
Saarstr. 23, 72070 Tübingen
Tel./Fax: 07071/550670 mobil: 0173/4958491

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