Bodensystematik

Gedanken zu den Anforderungen und zur Systematik der Bodentechnik im Judo

von Dr. Hans-Jürgen Ulbricht

Während die Wurftechniken im Judo übereinstimmend als komplexe Aktionen unter Einbeziehung vorbereitender Aktivitäten (sinnvolle Ausgangspositionen, Kuzushi, Eingangsformen, Tsukuri, Kake) verstanden werden, konzentrierten sich bisherige Versuche der Ordnung und Systematisierung von Bodentechniken im Judo vorwiegend auf die Endposition der Kämpfer zueinander oder auf eine abschließend zum Ergebnis (Wertung) führende Wirkungsweise. Damit wurde jeweils nur ein Ordnungskriterium berücksichtigt. Durch solche Auffassungen wird das Verständnis von Bodentechniken eingeengt. Nicht zuletzt werden hier Unterschiede zur Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Kyu – Grade deutlich.

Bereits Kudo (1967, S. 18) formulierte als seine Auffassung von (Boden-)Grifftechniken:

”Auch bei den Grifftechniken unterscheiden wir vorbereitende Bewegungen und den eigentlichen Angriff. Zu deinen eigenen Vorbereitungen gehört, daß du dich selbst in ein optimales Gleichgewicht und die vorteilhafteste Ausgangsposition manövrierst und daß du deinen Gegner in eine Lage bringst, in der er den denkbar geringsten Widerstand zu leisten vermag. ...Zu deinem Angriff gehören alle Aktionen, die du ausführst, nachdem du dich und deinen Gegner für die geplante Technik vorbereitet hast.     Tatsächlich ist es in den Judo-Techniken nicht sinnvoll zu erklären: hier sind die Vorbereitungen abgeschlossen und der Angriff beginnt. Wenn Vorbereitungs- und Angriffsschritte scharf voneinander getrennt werden, besteht die Gefahr, daß die Technik auseinanderfällt.”

Im folgenden sollen grundlegende Gedanken zur Weiterentwicklung der Auffassungen zu einer Systematik von Judo - Bodentechnik dargestellt werden:

Ausgangspunkt jeder Diskussion ist die Betrachtung der spezifischen Anforderungen.

Die Wettkampfregeln bestimmen die Möglichkeiten, mit welchen Wirkungsweisen die Kämpfer zum Erfolg kommen können. Offen bleibt, auf welche Art und Weise man zu diesen gelangt, d.h. die jeweiligen Lösungswege sind nicht eindeutig festgelegt.

Voraussetzung und Bestandteil einer wirksamen Bodentechnik ist die Kontrolle des Gegners. Sie richtet sich auf die Einschränkung der Bewegungsfreiheit des Gegners und ermöglicht erst den eigenen Angriff. Der Uke muß durch Belastung (mit Toris Körpergewicht) und/oder durch Blockierung bestimmter Körperteile bzw. –stellen beherrscht und in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Nur so kann der Widerstand des Gegners unterbunden und die Aktion zum Erfolg geführt werden. Von wesentlicher Bedeutung sind die Berührungspunkte (Kontakte), die mit dem Gegner hergestellt und auch gegen den Widerstand aufrecht erhalten werden müssen.

Phasen der Bodentechnik:

  1. Griffvorbereitung
  2. Griffansatz
  3. Griffvollstreckung

Der jeweilige Zeitbedarf in den einzelnen Phasen ist unterschiedlich.

Die Griffvorbereitung erfordert je nach Ausgangsposition einen gewissen Zeitraum.

Man kann darunter auch den Weg in die Endposition, d.h. zum eigentlichen, relativ schnell zu vollziehenden Griffansatz verstehen.

Je nach Wirkungsweise (Halte, Hebel oder Würge) ergibt sich das Zeitmaß der Griffvollstreckung.

Überlegungen zur Weiterentwicklung einer Systematik der Bodentechniken:

Bodentechnik ist eine prozesshafte Folge von Bewegungen, sie ist keine statische Endposition. Sie umfasst die Aktivitäten, die Tori von einem zu bestimmenden Startpunkt bis zum wettkampfregelgerechten Abschluss realisiert.

Eine Bodentechnik beginnt aus einer Ausgangsposition. Diese ist eine bestimmte Lage im Raum und eine Position von Tori und Uke zueinander. Aus der Sicht des Uke ist dies vorwiegend eine Verteidigungsposition.  Aus dieser Ausgangsposition wird schrittweise unter ständiger Kontrolle des Uke die Endposition herausgearbeitet. In dieser Endposition wird den Wettkampfregeln entsprechend mit den jeweiligen Wirkungsweisen Ippon erzielt (unter Kontrolle in Osae-komi halten bzw. mit Shime-waza oder Ude-kansetsu-waza zur Aufgabe zwingen).

Die Herausarbeitung der Bodentechniken muss den situativen Anforderungen und den biomechanischen Gesetzmäßigkeiten Rechnung tragen. Dabei sind die zu erwartenden Reaktionen und Verhaltensweisen des Uke, die zweckmäßige Gestaltung der Punkte, Richtung und Arten des Krafteinsatzes sowie ein Rhythmus und eine Dynamik in der Bewegungsausführung darzustellen. Die Bodentechnik soll in ihrem funktionellen Zusammenhang realistisch dargeboten werden.

Unter dem Demonstrationsaspekt leistet Uke keinen ernsthaften Widerstand. Er verhält sich aber nicht passiv, sondern verteidigt sich zweckmäßig, mit dosiertem Krafteinsatz. Er läßt die Durchführung der Aktivitäten des Tori zu.

Literatur:

Kudo, K.: Dynamic Judo. Grappling techniques. – Japan Publications Trading Company. Tokyo, 1967

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